In Frauenaugen liegt das Paradies von Josef Wiener-Braunsberg

 

Als einst das erste Menschenpaar verblendet,
Das Wort Gott Vaters unbeachtet ließ,
Und er sein Antlitz von ihm abgewendet
Und zürnend aus dem Eden es verwies:

Da folgte Adam mit gesenkten Blicken
Dem Engel Gottes mit dem Flammenschwert;
Halb reuig, trotzig halb kehrt er den Rücken
Dem Paradies, das ihm fortan verwehrt.

Ihm folgte die Gefährtin. Langsam lösen
Sich ihre Sohlen von dem Boden nur.
Sie kann’s nicht fassen, daß ein Traum gewesen,
Was ihr an Glück in Eden widerfuhr.

Die Pforte klirrt. Grau liegt vor ihr die Erde,
Und – kahle Heide, ödes Felsgestein…
Sie blickt hinab, verzweifelnd die Gebärde,
Und – – hinter ihr lacht gold’ner Sonnenschein!

Da wendet Eva einmal noch zurücke
Den Blick und sucht in sehnsuchtsvoller Glut
Die Stätten, da im ersten Liebesglücke
Sie gestern noch an Adams Brust geruht.

Und Abschied nimmt sie von den Silberbronnen,
Wo oft ihr sehnsuchtsvolles Lied erschallt,
Und von den Grotten, welche ihre Wonnen
In langen Seufzern zitternd widerhallt. – –

Es ist vorbei. Die Pforte ist geschlossen,
Die Schuld der ersten Menschen ist gerächt,
Und Adams Söhne ringen unverdrossen
Mit Sorgen von Geschlecht nun zu Geschlecht.

Doch seit es Eva zu dem Blick getrieben,
Als sie den Garten Gottes einst verließ,
Ist – – in des Weibes Aug‘ zurückgeblieben
Ein sel’ger Schimmer aus dem Paradies!

Und was dereinst das Paradies gewesen,
Was es enthielt an Freude und an Glück:
Noch heute ist’s im Aug‘ der Frau zu lesen,
Ein Eden liegt noch heut‘ in ihrem Blick!

Es strahlt den Widerschein von Edens Sonnen
Und birgt, was sonst zum Paradies gehört:
Das Glück, den Frieden, alle Himmelswonnen
Und – – – jene Schlange, die den Mann betört!

Quelle: „Mein Vater ist ein kleines Mannchen.“ Ostpreußische Vortragsgedichte
von Josef Wiener-Braunsberg; Eduard Bloch Theaterverlag Berlin